Stellungnahme zum BigTopLabel award – Offener Brief von Sebastian Everding, MEP

Vor fast einem Jahrzehnt wurde im Europäischen Parlament das BigTopLabel ins Leben gerufen. Alle Europäischen Abgeordneten und Mitarbeitenden wurden zu der “BigTopLabel award ceremony” am 04.12.2024 um 18:00 Uhr eingeladen.

Das BigTopLabel-Programm entstand als Ergebnis mehrerer umfassender Fachkonferenzen, die vom ehemaligen Europaabgeordneten István Ujhelyi, dem damaligen stellvertretenden Vorsitzenden des für Tourismus zuständigen TRAN-Ausschusses, initiiert wurden. Heute wird dieses Programm in der Kultur- und Tourismusbranche anscheinend oft als der „Michelin-Stern der europäischen Zirkuskunst“ bezeichnet.

Unabhängige Künstler, Tierschutzexperten und Stakeholder sollen gemeinsam ein Qualitätssicherungsprogramm entwickelt haben, das strenge Standards für Zirkustruppen in verschiedenen Bereichen festlegt, darunter Arbeitsrechte, Transparenz, kulturelle und künstlerische Kriterien und Tierschutzfragen, wie es heißt. Nach Inspektionen vor Ort und Bewertungen durch ein unabhängiges Komitee erhalten nur diejenigen Truppen das BigTopLabel, die sich in der Branche wirklich als vorbildlich erweisen.

Das BTL-Projekt wurde zu einem anerkannten Teil der offiziellen Programme des Europäischen Jahres des Kulturerbes 2018

Im Laufe der Jahre haben bereits zwölf europäische Zirkusse diese Auszeichnung erhalten, darunter Truppen aus Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien, Ungarn und Finnland. Die Preisverleihung findet jährlich im Europäischen Parlament statt.

In diesem Jahr haben drei neue Truppen nach Prüfungen das BigTopLabel-Zertifikat erhalten: Cirque D’Hiver Bouglione aus Paris, Zirkus Charles Knie aus Deutschland und Cirkus Arnardo aus Norwegen.

Während der “Cirque D’Hiver Bouglione” mittlerweile beschlossen hat, die Tierdarbietungen endgültig einzustellen, werben die Zirkusse “Charles Knie” und “Arnardo” noch mit Papageien, Eseln und Hunden.

Egal ob Wild- oder Heimtiere – Tiere haben nichts in der Manege zu suchen.

Aus diesem Grund habe ich mich in einem offenen Brief an die Initiatoren und Europaabgeordneten gewandt, um nochmals zu erläutern, dass Tiere in keiner Unterhaltungsbranche eingesetzt werden sollten und Zirkusse mit Tieren erst recht kein Vorbild durch Auszeichnungen werden dürfen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Zirkusse sind ein wichtiger kultureller Bestandteil unserer Gesellschaft. Sie sind nicht nur ein Ausdruck künstlerischer Traditionen, sondern auch ein Ort der Unterhaltung, der seit Jahrhunderten Menschen jeden Alters begeistert. Das Zirkuswesen hat eine lange Geschichte, die immer wieder neue Formen der Kunst, der Belustigung und der Kreativität hervorbringt. Die stetige Entwicklung der Zirkuskunst spiegelt wider, wie sich unsere Werte und gesellschaftlichen Vorstellungen über die Jahre hinweg verändern und weiterentwickeln.

In diesem Zusammenhang möchte ich die Initiative des BigTopLabel-Programms ausdrücklich loben. Das BigTopLabel setzt hohe Standards für Zirkusse in verschiedenen Bereichen, einschließlich Arbeitsrechten, Transparenz und die Auszeichnung ist ein sichtbares Zeichen für den herausragenden Einsatz von Zirkussen, die sich durch künstlerische Exzellenz auszeichnen. Aber sie werben auch mit Tierschutz. Dies scheint ein zentraler Bestandteil des BigTopLabel- Programms zu sein.

Jedoch kann Tierschutz nicht durch Vorschriften und Inspektionen erreicht werden, sondern durch eine klare Entscheidung, keine Tiere mehr in die Manege zu bringen. Tiere gehören nicht in die Unterhaltungsbranche und somit auch in keinen Zirkus!

Der moderne Zirkus sollte auf die beeindruckenden Fähigkeiten und Talente von menschlichen Artisten und Künstlern setzen, die die Zuschauer mit ihrer Kunst und ihrem Können fesseln. Nur zu oft sieht man trotz sauberer Ställe und „guter“ Behandlung Tiere in zu kleinen Käfigen, da dies logistisch nicht anders umsetzbar ist.

Sie haben starke Verhaltensstörungen und leiden unter psychischen Erkrankungen. Die Tiere leiden stumm und unterwerfen sich, sodass diese sich ihrem Schicksal ergeben. Qual muss nicht zwangsläufig immer mit offensichtlichen Zuständen zusammenhängen, wobei diese trotz Tierschutzverordnungen nur zu oft in Zirkussen vorkommen.

In vielen europäischen Ländern ist die Haltung von Tieren im Zirkus bereits verboten worden – und das aus gutem Grund. Länder wie Österreich, Norwegen, Belgien, Schweden, und Griechenland haben bereits Gesetze verabschiedet, die das Auftreten von Tieren in Zirkussen untersagen. Die Gründe für diese Verbote sind klar und beruhen auf den wachsenden Bedenken hinsichtlich des Tierschutzes und des Wohlbefindens von Tieren, die in Zirkussen gehalten werden. Die Bedingungen, unter denen Tiere in der Manege auftreten, sind oft alles andere als artgerecht. Sie führen zu Stress, psychischen Belastungen und Verletzungen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche wissenschaftliche Studien, die die negativen Auswirkungen der Zirkusarbeit auf Tiere belegen.

Es ist Zeit, dass auch andere Länder, die noch Zirkusse mit Tieren dulden, diesem Vorbild folgen. Der Zirkus der Zukunft sollte nur ein Zirkus ohne Tiere sein. Der Fokus muss auf menschlicher Kunst, athletischem Können und kreativen Darbietungen liegen – ohne die Ausbeutung von Tieren für die Belustigung der Zuschauenden. Darauf hat das BigTopLabel Einfluss. Mit seinen Auszeichnungen entscheiden sie, welche Zirkusse die besten und Vorbilder für andere sind.

Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam eine Zukunft gestalten, in der Zirkusse ihren Platz als lebendige, kreative und ethisch verantwortungsvolle Kunstform behalten – jedoch ohne Tiere. Lassen Sie uns den Wandel hin zu einem Zirkus vorantreiben, der die Zuschauenden mit der Kunst menschlicher Artisten begeistert und dabei den höchsten ethischen Standards entspricht und auch nur diese auszeichnen.

Mit freundlichen Grüßen
Sebastian Everding MEP