Zu den wohl schwierigsten Beitrittskandidaten dürfte – neben Ukraine und Türkei – auch Georgien zählen. Georgien unterhält intensive Wirtschaftsbeziehungen zur EU. Und bereits seit 2014 besteht ein Assoziierungsabkommen mit dem Land, das noch östlich der Ukraine und östlich der Türkei gelegen ist und damit im Falle eines Beitritts geografisch zu den entlegensten Zipfeln der Staatengemeinschaft zählen würde. Der offizielle Kandidatenstatus wurde Georgien am 14. Dezember 2023 verliehen. Nach dem umstrittenen Wahlsieg der Partei „Georgischer Traum“ 2024 und einem schnell verabschiedeten Gesetz gegen “ausländische Einflussnahme” legte das Europäische Parlament den Prozess allerdings auf Eis. Als Reaktion kündigte Georgiens russlandfreundliche Regierung ihrerseits an, bis zum Jahr 2028 keine Beitrittsverhandlungen mehr führen zu wollen.
Die georgische Gesellschaft muss offenbar einen Prozess der Vermittlung und Identitätsfindung durchlaufen, denn gegenwärtig scheint die Bevölkerung in zwei Teile zu zerfallen: Der eine, vorwiegend städtisch geprägte Bevölkerungsteil sucht die wirtschaftliche und kulturelle Anbindung an den Westen, der andere, eher ländlich geprägte Teil beharrt – trotz des Kaukasuskrieges – auf Nähe zum großen Nachbarn. Es ist wichtig, dass Europa gesprächsbereit bleibt und dass es weiterhin Kooperationen gibt, dass aber gleichzeitig – und hier sollten uns die Erfahrungen mit der Ukraine 2013/2014 als Warnung dienen – von einer bewussten Einflussnahme abgesehen wird.